15. März – 15. Juni 2022      

HOW TO
BEAM

Do-It-Yourself Teleportation
for Hybrid Times

HOW TO BEAM: Do-It-Yourself Teleportation for Hybrid Times

Diese erste Residency-Ausgabe untersucht die veränderte Bedeutung von persönlicher Präsenz in digital mediatisierter Zeit. Drei Künstler:innen, die neue Technologien und Low-Tech-Strategien kombinieren, experimentieren mit Teleportation als praktisches Mittel zur Wiederaneignung und Neuerfindung von Individualität, Autonomie und sozialer Bindung in unserer zusehends hybriden Welt.

Im Zuge des umfassenden sozialen Wandels hin zur Telepräsenz und damit einhergehender Akzeptanz der Tatsache, dass wir in körperlosen digitalen Identitäten gesellschaftlich agieren, ist die Vorstellung eines ganzheitlichen physischen Präsentseins am selben Ort zur selben Zeit weitgehend obsolet geworden. Ob wir nun als Fantasy-Avatar, als schwebender Kopf, als Emoji oder als stummgestelltes schwarzes Rechteck in einem Raster Gestalt annehmen: Es findet grundsätzlich eine Abkehr vom physischen Körper statt, wenn wir uns durch die unbekannten Weiten des digitalen Raumes beamen.

Wenn Cyberpunk-Pionier William Gibson behauptet, die Zukunft sei bereits da – nur nicht gleichmäßig verteilt –, lässt sich der digital mediatisierte Zustand, im dem wir uns zunehmend befinden, vielleicht als Teleportation im Frühstadium begreifen. Weit entfernt von den übersteigerten Versprechen futuristischer Innovation, stecken Quanten-Reisen aktuell noch in ihrer unbeholfenen Teenie-Phase. Die Identitätsversionen, die wir aus der physischen Realität ins digitale Leben übertragen, sind noch plump, ungeschickt und oft auch ziemlich schlicht. Trotz großer Fortschritte in den Feldern der öffentlichen Gesundheit und Inklusion – sofern die Gesellschaft endlich erkannt hat, dass Zugang zu Pflege, Bildung, Arbeit und Kultur tatsächlich auch ohne größere Mobilität möglich ist –, verstrickt der globale Zugriff von Big Tech das digitale Universum, in dem wir unterwegs sind, in Probleme um Macht, Kontrolle und fragwürdige ethische Praktiken.

Durch eine Serie von öffentlichen Dialogen und partizipativen Events lädt HOW TO BEAM: Do-It-Yourself Teleportation for Hybrid Times das Publikum zu Experimenten mit verschiedenen Ausdrucksformen ein, die uns dazu befähigen, die Grenzen dieses unheimlichen digitalen Terrains couragiert zu überschreiten.

»Kunst kann die Stopptaste drücken«
Darsha Hewitt im Interview im Online-Magazin HALLE4 der Deichtorhallen Hamburg

Meetup #1 im Fab Lab Fabulous St. Pauli
4. Mai 2022

Darsha Hewitt

Darsha Hewitts (*1982, Kanada) künstlerische Praxis ist in den Bereichen Neue Medien und Sound angesiedelt und entwickelt sich größtenteils aus materialbasierten Experimenten mit veralteter Technologie. Hewitt schafft elektro-mechanische Installationen, selbstgebaute Elektronik, Video, Zeichnung und Fotografie. Ihre Praxis verfolgt einen abenteuerlichen, praktischen und medienarchäologischen Ansatz, bei dem verborgene Systeme in der Technologie als Mittel zum Aufspüren der in der westlichen Kultur eingebetteten Strukturen von Ökonomie, Macht und Kontrolle de-/re-mystifiziert werden. In ihrer dekonstruierten Form legt die von der Gesellschaft weggeworfene Alltagstechnologie auf verblüffende Art und Weise offen, wie Menschen miteinander umgehen und wie wir uns mit Ökologie auseinandersetzen.

Ihre Arbeiten werden international ausgestellt, zuletzt in der Hong Kong City Hall, Halle14 – Centre for Contemporary Art, MU Artspace, The Museum of Art and Design New York, Hartware MedienKunstverein, Gaitée Lyrique, Ottawa Art Gallery, Modern Art Oxford, The CTM Festival Berlin und WRO Media Art Biennale. In Deutschland erhielt sie ein internationales Produktionsstipendium des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst und war Stipendiatin des Berlin Centre for Advanced Studies in Arts and Sciences an der Universität der Künste in Berlin.

Neben ihrer künstlerischen Praxis lehrte sie als Gastprofessorin für Neue Medien im Fachbereich Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel und für Neue Medien/Sound an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Ihre Beiträge zur Do-it-yourself-Technologie-Community sind international anerkannt – ihre Workshops und Anleitungsvideos wurden von technischen Foren wie dem Chaos Computer Congress und dem Make: Magazine vorgestellt.

Darsha Hewitt lebt und arbeitet in Berlin.

»Kunst kann die Stopptaste drücken«
Darsha Hewitt im Interview im Online-Magazin HALLE4 der Deichtorhallen Hamburg

Nadja Buttendorf

Foto: Nadja Buttendorf

Nadja Buttendorf (*1984) stellt zeitgenössische Codes und Normen der Geschlechterkonstruktion ebenso in Frage wie die Mechanismen der Wertschöpfung, die den menschlichen Körper in unserer digitalen Gesellschaft betreffen. Ihre Arbeit verdeutlicht, dass selbst unser Verständnis von Technologie eng mit Systemen patriarchaler Machtverhältnisse verbunden ist. In Ablehnung dieser Vorstellungen sind ihre Arbeiten und Videoprojekte auf Interaktion angelegt und konstruieren neue und vielschichtigere Erzählungen, in denen Frauen als integraler Bestandteil der Technologiegeschichte wieder sichtbar werden. Zu diesem Zweck greift sie auf kommunikative Momente der Online-Beteiligung zurück, sowohl in ihren Online-Tutorials als auch bei der Herstellung performativer Schmuckobjekte. DIY als weit verbreitete Online-Ästhetik funktioniert als bewusst eingesetzte Strategie, die sowohl den Zugang ermöglicht als auch die neoliberale Arbeitsethik herausfordert.

Nadja Buttendorfs Arbeiten und Workshops wurden im HKW Berlin, Hartware MedienKunstVerein Dortmund, Künstlerhaus Bremen, La Gaîté Lyrique Paris, MU Eindhoven, NRW-Forum Düsseldorf, Halle 14 - Zentrum für zeitgenössische Kunst Leipzig, D21 Leipzig, Musem der bildenden Künste Leipzig, neue Gesellschaft für bildende Kunst Berlin und der panke.gallery Berlin gezeigt. Sie hat Vorträge und Performances bei der Re:publica, CCC, Creamcake und der nGbK Berlin gehalten. Nadja Buttendorf ist gelernte Goldschmiedin und studierte Bildende Kunst an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (Saale).

Bodypresents, or do you mean body presets?

In ihrer Recherche „Body presents, or do you mean Body presets?“ untersucht Nadja Buttendorf Körperbewegungen und deren Bezug zum digitalen Raum. Mit verschiedenen Motion Capture Verfahren hinterfragt sie stereotype Körperbewegungen und deren Beziehung zum physischen und digitalen Raum.Motion Capture ist ein Verfahren, bei dem Körperbewegungen dreidimensional, digital gespeichert werden. Die Bewegungen können in Realtime auf einen digitalen Avatar übertragen werden. Im Entertainment Bereich wird Motion Capture vor allem im Film und in der Computerspielentwicklung eingesetzt, um 2-D und 3-D Charaktere zu animieren.

Die Körperbewegungen können mit Kameratracking oder durch Motion Capture Anzüge, die mit Sensoren ausgestattet sind, übertragen werden. Die Körper, die eingesetzt werden, um die Bewegungen aufzuzeichnen, sind in den meisten Fällen professionelle Tänzer:innen und Performer:innen, die sich besonders gut und ausdrucksstark bewegen können. Motion Capture ist angelegt um effektvolle Bewegungen darzustellen und zu reproduzieren. Im Gegensatz zu den sportlichen, optimierten Bewegungen interessiert sich Buttendorf für minimale, alltägliche Bewegungen zum Beispiel auf der Couch rumhängen.

Buttendorf wird während der digitalen Residency von Zuhause aus mit einem Motion Capture Set experimentieren, Livestreams veranstalten und in einer gebauten 3-D Umgebung unterschiedliche Körperbewegungen untersuchen. Angedacht ist eine Online-Bibliothek von Bewegungen, die sich absetzt von den typischen Presets aus der Gameindustrie. Motion Capture ist für einen normierten menschlichen Körper konzipiert. Wie können digitale Körper in einer virtuellen Welt anders gestaltet werden? Können Motion Capture-Sensoren als Schmuckstücke funktionieren? Was kann als Körperbewegung wahrgenommen werden? Können Objekte zu Bewegungsdaten für Körper werden?

Dasha Ilina

Foto: Erica Jewell

Dasha Ilina (*1996) ist eine russische Medienkünstlerin, die in Paris lebt. Durch den Einsatz von Low-Tech und DIY-Ansätzen beleuchten ihre Arbeiten die undurchsichtige Beziehung zwischen unserem Wunsch, moderne Technologien in unser tägliches Leben zu integrieren, und den gängigen gesellschaftlichen Imperativen der Sorge für sich selbst und für andere.

Ihre künstlerische Praxis bezieht die Öffentlichkeit mit ein, um Raum zu schaffen für die Entwicklung einer kritischen Auseinandersetzung mit unseren heutigen Beziehungen, dem Konzept des Privaten in der digitalen Ära und der reflexiven Suche nach Antworten durch Hinwendung zur Technologie. Ilina ist Begründerin des Center for Technological Pain (Zentrum für technologischen Schmerz), ein Projekt, das DIY-Lösungen für Gesundheitsprobleme anbietet, die durch digitale Technologien verursacht werden. Sie wurde dafür mit einem Honorary Mention bei der Ars Electronica geehrt.

Neben diversen internationalen Vorträgen, Workshops und Performances wurden Ilinas Arbeiten bereits in Institutionen wie dem Centre Pompidou (FR), MU Artspace (NL), Gâité Lyrique (FR), Hartware Medienkunstverein Dortmund (DE) und NeMe (CY) ausgestellt. Sie ist zudem Co-Direktorin von NØ SCHOOL, einer Sommerakademie, die sich mit kritischer Forschung zu gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen von Informations- und Kommunikationstechnologien befasst.

Dasha Ilina: Heilbasteln gegen Techniksucht | Arte TRACKS
Dasha Ilina, Center for Networked Intimacy, 2021 © Dasha Ilina
Dasha Ilina, Center for Networked Intimacy, 2021 © Dasha Ilina
Dasha Ilina, Do Humans Dream of Online Connection, 2021 © Dasha Ilina
Dasha Ilina, Do Humans Dream of Online Connection, 2021 © Dasha Ilina

Be? Here? Now?

In ihrem Projekt „Be? Here? Now?“ untersucht Dasha Ilina das Wesen neuer Formen hybrider menschlicher Existenz im technologischen Zeitalter. Die zentrale Kluft im gegenwärtigen Diskurs zu diesem Thema spaltet sich tendenziell in zwei gegensätzliche Richtungen auf: den Wunsch nach einem totalen technologischen Entzug und die Bereitschaft, sich uneingeschränkt und naiv auf die Welt der Innovation einzulassen.

Durch eine Materialsammlung, die auf einer einzigen Webseite gebündelt wird, adressiert „Be? Here? Now?” die Entstehung der Achtsamkeitskultur und spezifisch die Betonung, die diese auf eine „Gegenwärtigkeit“ des Bewusstseins legt. In diesem Zusammenhang geht es um die Frage, was es für zwischenmenschliche Beziehungen bedeutet, wenn physische Präsenz nicht mehr der ausschließliche Vermittler emotionaler Nähe ist. Da Achtsamkeit ein zentraler Aspekt des Projekts ist, werden diese Themen durch die Ästhetik der Achtsamkeit, insbesondere durch Techniken der Meditation und Entspannung, beleuchtet. Die Gestaltung der Webseite wird vom Kitschdesign der 1990er- und frühen 00er-Jahre inspiriert, das bis heute den Stil vieler Webseiten zur Achtsamkeit prägt.

Der Titel des Projekts „Be? Here? Now?“ bezieht sich auf das gleichnamige grundlegende Buch über Achtsamkeit von Ram Dass, das als wegweisende „Bibel der Gegenkultur“ gilt und Steve Jobs so begeisterte, dass es ihn dazu anregte, auf der Suche nach einem eigenen Guru nach Indien zu reisen.

Olsen

Olsens Arbeiten sind Untersuchungen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Einen besonderen Fokus legt er dabei auf die Technologien des Alltags, mit denen man ständig konfrontiert wird und die unser menschliches Dasein, unsere Vorlieben und Verhaltensmuster bestimmen. Beispiele sind das Öffnen des Kofferraums per Knopfdruck, der automatische Raumbedufter oder auch der Rasenmäherroboter. Bei all diesen Beispielen handelt es sich um Automaten – Maschinen bzw. Computer – die mit Hilfe von Programmierungen bestimmte Tätigkeiten für den Menschen erledigen. So kann Technologie als die Anstrengung verstanden werden, dem Menschen Anstrengung zu ersparen.

Olsen (*1975) hat nach einer Schreinerausbildung ein Studium der Medialen Künste an der HdK Zürich und Bellas Artes an der Universidad Barcelona absolviert, sowie 2018 ein PhD in Media Arts and Technology an der Queen Mary, University of London fertiggestellt. Olsen hat international in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen ausgestellt und hat Workshops sowie Lehrveranstaltungen in verschiedenen Kontexten gehalten. Seine Arbeit ist in der Daimler Art Collection zu sehen. Derzeit lebt und arbeitet er in St. Georgen im Schwarzwald.

Olsen, Uruca Caliandrum, 2010 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Uruca Caliandrum, 2010 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Düsen nach Jägerart, 2019 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Düsen nach Jägerart, 2019 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Weltgrösste Kuckucksuhr (Digital), 2021 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Weltgrösste Kuckucksuhr (Digital), 2021 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022

Per Teleport zur Immortalität – Technologien um der Endgültigkeit des Todes entgegenzuwirken

Wer kennt es nicht, vor Abflug in der Duty Free Zone noch schnell die letzten nötigen Besorgungen machen oder sich einfach nur der Angebotspalette flanierend hingeben. In diesem Fall befinden wir uns jedoch auf dem Weg zum „Teleport“ zur Unsterblichkeit. Das hier angebotene soll uns einen Vorgeschmack auf das technische Paradies der Zukunft geben, dass sich dahinter verbirgt: „Mind Uploads“, „Cryonics“, „Whole Brain Emulation“ sowie der Aufstieg ins algorithmische Schlaraffenland sind Teil der Angebotspalette.

Mit seinem Projekt wird Olsen einen besonderen Fokus auf ein Mensch-Maschine-Verhältnis legen, das mit der künstlichen Intelligenz (KI) einhergeht. Dies baut auf Technikprophetie, Datenreligion oder Informationsmonismus auf und ist mit einem Streben nach Kontrolle und einer vollständigen Verfügungsgewalt über den Menschen und letzten Endes dem Tod verbunden. Die Protagonisten der computertechnischen Immortalisierung richten alles auf das technische Paradis der Zukunft. In der Gegenwart haben sie zumindest ein Standbein in der IT-Branche und Bereichen, die der KI zugeordnet werden.

Fasziniert von Fragen ‚Wie sich menschliches Erleben in Speichermedien abbilden und für immer aufbewahren lässt?‘ oder ‚Wie lebt es sich in der Unsterblichkeit?‘ ist das Ziel von Olsens Arbeit, einen Vorgeschmack davon zu geben was danach kommt. So sind z. B. Gerüche eines der Dinge, die derzeit schwer in digitalen Medien abzubilden, zu speichern oder beim „upload“ zu bewahren sind. Olsen plant die Unsterblichkeitsfantasien der Protagonisten weiter zu recherchieren und durch eine humoristische Herangehensweise die darin auftretenden Denkfiguren an den Füssen zu kitzeln.


Taming of Chance

Foto: Irene Pérez Hernández
Foto: Irene Pérez Hernández
Foto: Irene Pérez Hernández
Foto: Irene Pérez Hernández