15.09. – 15.12.22      

ANYTHING
TO DECLARE?

THINKING OUTSIDE
THE BORDER

ANYTHING
TO DECLARE?

THINKING OUTSIDE
THE BORDER

ANYTHING
TO DECLARE?

THINKING OUTSIDE
THE BORDER

Anything To Declare? Thinking Outside The Border

Was ist eine Grenze? Was macht eine Grenzziehung aus? Welchen Verläufen folgen diese von Menschen geschaffenen Linien, wie verändern sie sich, wie schränken sei ein, wie grenzen sie aus? Wo sind sie porös, wo sind sie durchlässig?

Im Rahmen der zweiten Season werden drei Künstler:innen sich mit dem Freiheitsbegriff und den damit verbundenen Grenzen auseinanderzusetzen. Dabei erhalten die Künstler*innen die Möglichkeit, an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie zu experimentieren, zu forschen und zu spielen – immer im Spannungsfeld zwischen Poetik, Imagination, Politik und Bewegung.

Diese Residency soll eine Antwort sein auf die Grenzen, die uns aufgezwungen werden, eine Reaktion auf die grenzüberschreitende ökologische Bewegung und selbst auf die Schwerkraft, die uns festhält. Sie befasst sich mit den Frage „Wohin kann mein Körper gehen?“ und damit, wie Technologie uns einerseits hilft, aber auch gefangen hält.

Hyphen-Labs Open Call

Eine Grenze ist ein relativ neues Konzept. Früher bildete ein großer Schutzwall um eine Nation herum die geografischen Grenzen, die in der jüngeren Vergangenheit durch Kriege, Kolonialisierung oder „gegenseitige Abkommen“ festgelegt wurden. Klar definierte und demarkierte Grenzen „regulieren“ und versuchen, die Bewegung von Tieren, Waren und Menschen mit einem Mobilitätsbuch (Pass) zu kontrollieren, das auf dem Geburtsort und der geografischen Bedeutung dieses Ortes für die Weltwirtschaft basiert. Dieses Konzept soll auf drei verschiedenen Ebenen untersucht werden: Grenze als Körper, Landschaft und Nation.

Als einheimische oder invasive Hybride durchqueren unsere Körper Grenzökologien und Infrastrukturen, die einen ungezügelten Kapitalismus befeuern, welcher die Spaltung systematisch verstärkt. Unser dauerhafter Status als Einwanderer*innen gibt uns die einzigartige Möglichkeit, zu hinterfragen: Wie existieren die Waren, die wir produzieren, konsumieren und erwerben, unsere Sprachen und selbst unsere körpereigenen Grenzen im physischen und digitalen Raum?

In gemeinsamer Arbeit setzen wir unseren Kurs fest, träumen über die Grenzen hinaus und greifen über, um und durch diese neuen Topografien hindurch. Wir werden unsere Denken darüber, wie unsere Lebenswelt uns definiert und einschränkt, und welche Regeln wir befolgen, brechen oder neu erschaffen wollen, herausfordern.

Anything to Declare? Thinking outside the Border wird im Rahmen mehrerer Workshops, Künstler*innengespräche, Aktivitäten und eines öffentlichen Dialogs stattfinden. Gemeinsam können Künstler*innen und Einheimische erforschen, wie wir uns zu unserem Zuhause, zu Orten, Räumen und URLs hin- und wieder fortbewegen, indem gemeinsam ungewohnte Alternativen der Zugehörigkeit entworfen werden.

Hyphen-Labs

Foto: © Hyphen-Labs

Hyphen-Labs ist ein im Äther beheimatetes Design-Duo, das von Ece Tankal und Carmen Aguilar y Wedge geleitet wird und Absurditäten, Fantasien und Zufälle an der Schnittstelle von Technologie, Kunst, Wissenschaft und Zukunft erforscht. Auf dem Weg zwischen dem Tiefgründigen und dem Absurden bieten ihre Arbeiten Überlegungen zu den Beziehungen zwischen digitalen Plattformen und der physischen Welt und dazu, wie Kunst als Instrument der Intervention und Immersion eingesetzt werden kann.

Mit ihrem Hintergrund in Architektur und Ingenieurwesen nutzen Ece und Carmen neue Technologien nicht nur als Werkzeuge, sondern als gesellschaftliche Apparate, um unsere Spezies auf alternative Weise zu organisieren und die Grenzen von Materialität und Vorstellungskraft zu überarbeiten.

Hyphen-Labs leben und arbeiten in London, Vancouver und San Francisco.

www.hyphen-labs.com

Liva Dudareva

Foto: Henry Ace Knight

Liva Dudareva (*1984) interessiert sich für mineralische Spekulationen und von Menschen geschaffene geologische Formationen, die durch industrielle und extraktive Prozesse entstanden sind: Lithische Formationen, die wir in Zukunft als Techno-Fossilien betrachten könnten.

In ihren Arbeiten thematisiert Dudareva nicht nur neue materielle Realitäten, sondern auch die darum entstehenden Mythen: Von Kristallen, die in elektronische Chips und Flüssigkristallbildschirme (LCD) eingebettet sind, bis hin zu künstlich hergestellten Steinen, die angeblich die negativen Auswirkungen von 5G-Strahlung ausgleichen, oder vulkanischen glasartigen Mineralien, die nach der ersten Atomexplosion eine Kruste über der Wüste bildeten.

In ihren skulpturalen Arbeiten, die sie als mineralische Fiktionen bezeichnet, verschmelzen diese neuen geologischen Elemente, um unsere Beziehung zur Natur zu erörtern und die Biografien von Materialien zu erzählen, aus denen unsere Alltagsgegenstände, insbesondere die Unterhaltungselektronik, bestehen.

Die in Lettland geborene Künstlerin mit einem Hintergrund in Landschaftsarchitektur und Urbanismus positioniert die geologischen Themen innerhalb einer größeren geopolitischen Landschaft, in der materielle Realitäten und extraktive Prozesse untersucht werden.

Werke

V_br ^ nt  m ^ tt3r ed I, 300 x 200 x 110, PETE, mineral powder, paint, acrylic, neon wire, installation view, Taoyuan Museum of Fine Arts, photo by TMoFA, 2021
V_br ^ nt  m ^ tt3r ed II, 50 x 60, print on aluminium, 2022
New World Order, 18 x 10 x 7, PETE 1, borax crystals, 2020

I (will) destroy(ed) you…to protect you

Das Projekt "I(will) destroy(ed) you...to protect you" von Liva Dudareva untersucht die Verflechtungen zwischen der Entstehung der Ökosystem-Ökologie und den zwischen 1945 und 1992 in den USA durchgeführten Atomwaffentests. Ziel des Projektes ist es, Diskussion über künftige Ökologien zu eröffnen. Die systemische Ökologie ist eine Wissenschaft, die das Ökosystem als Ganzes betrachtet und die Prozesse und Beziehungen zwischen seinen lebenden und nicht lebenden Teilen erforscht.

Nahaufnahme eines Archivfotos von Trinitit - einer Mineralformation, die durch den Einschlag einer Atomexplosion entstanden ist. Courtesy Liva Dudareva

Der Pionier der Ökosystem-Ökologie , Eugene P. Odum, wurde von der Atomenergiekommission beauftragt, die Umweltauswirkungen des radioaktiven Niederschlags zu untersuchen. Mit Hilfe radioaktiver Isotope, von denen einige in der Natur neu und daher leicht nachweisbar waren, konnte er verschiedene Prozesse erforschen, die für das Überleben von Ökosystemen unerlässlich sind, z. B. Energie- und Stoffströme. Er griff auf die damals modernsten Konzepte der Kybernetik, der Systemtheorie und der Computermodellierung zurück, um die Theorie der Ökosystemökologie zu entwickeln.

Liva Dudareva ist daran interessiert, wie wir die spezifischen mineralischen Beispiele und die größere Erzählung der Systemischen Ökologie, die bei der Atomenergie-Kommission (USA) entstand, und die irreparablen Folgen der Atomtests in der Luft auf jeden einzelnen organischen und anorganischen Körper, der diesen Planeten bewohnt, nutzen können, um über die Zukunft lebender Systeme nachzudenken.

Archivbilder aus Alamogordo, New Mexico (1945), nach der Zündung der ersten Atombombe der Welt. Courtesy Liva Dudareva

Ein digitaler Atlas mit Karten, auf denen die Gebiete der radioaktiven Niederschläge den Grenzen indigener Gebiete, Ökosysteme, Klimazonen, Verwerfungslinien, Wirtschaftsindikatoren und neuen fiktiven Grenzen gegenübergestellt sind, dient als Prolog zu "I(will) destroy(ed) you...to protect you". Ausgehend von der Frage, wie, von wem und für wen Grenzen konstruiert werden, wird der Atlas die von Menschen gezogenen Grenzen zwischen verschiedenen Gebieten in Frage stellen.

Entlang des Atlasses wird eine Reihe digitaler und keramischer Skulpturen spezifische geologische Schöpfungen von Atomtests und ihre sozioökonomische, politische und kulturelle Bedeutung herausstellen, die eine Vorstellung von zukünftigen Ökosysteme der Erde ermöglichen.

Weitere Informationen in Kürze.

3D-Rendering der Trinitit-Texturen. Courtesy Liva Dudareva
Mind map des Projektes. Courtesy Liva Dudareva
Kartierung des Testgeländes für die erste Atombombe der Welt in Alamogordo, New Mexico. Courtesy Liva Dudareva

Jazmin Morris

Foto: Jazmin Morris

Jazmin Morris (*1997, England) ist eine kreative Computerkünstlerin und Dozentin, die derzeit in London lebt. In ihrer persönlichen Praxis und Forschung beschäftigt sie sich mit Repräsentation und Inklusivität in der Technologie. Sie nutzt freie und Open-Source-Tools, um digitale Erfahrungen zu schaffen, die Themen wie Geschlechtsidentität, Race und Macht beleuchten und sich auf die Komplexität der Simulation von Kultur und Identität konzentrieren.

Morris, die als „Tausendsassa“ beschrieben wird, erforscht in ihrer Praxis eine Reihe von Medien, von read.me-Dateien bis hin zu 3D-Animationen. Ihre Praxis nimmt oft die Form von Workshops oder partizipativen Projekten an. Sie ist resistent gegen die zeitgenössische „ausgefeilte“ digitale Ästhetik und hat Spaß an „klobiger Technologie“ und dem „Zusammenkleben ihres Codes“.

Morris ist die leitende Computertutorin im Studiengang Graphic Communication Design am Central Saint Martins und Dozentin für Creative Computing & Digital Outreach am Creative Computing Institute der UAL. Sie gründete und leitet eine erfolgreiche Gemeinschaftsinitiative namens Tech Yard, die Stimmen, die oft von technischen Entwicklungen ausgeschlossen sind, ermutigt, Fähigkeiten und Selbstvertrauen in diesem Bereich zu erwerben. Morris setzt sich für ein dezentralisiertes Web ein, das Identitäten stärkt, anstatt sie zu behindern. Sie schwärmt immer noch von web.1 und Super Mario 64.

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Aktuelle Arbeiten Inbetween Binary und My Thumb Caresses L2 as I Alter Myself Time After Time

Werke

A collection of objs © Jazmin Morris
Femmy Pusher © Jazmin Morris
Inbetween Binary © Jazmin Morris

Don't touch my hardware

Jazmin Morris‘ Projekt „Don‘t touch my hardware“ ist eine Erkundung der Grenzen zwischen Software, Hardware und dem Körper. Da modernes Produktdesign immer minimalistischer und stromlinienförmiger wird, zollt dieses Projekt den Barbie-Fernsehern und Hot Wheels-Computern der 90er-Jahre Tribut und stellt kreativ die Frage, wie Hardware unsere Beziehung zu moderner Technologie verbessern kann.

Morris wird über die Zukunft der Interaktion zwischen Mensch und Computer spekulieren, wobei sie sich darauf konzentriert, Identitäten in den Mittelpunkt zu stellen, die in der Geschichte der Technologie an den Rand gedrängt wurden. Dabei bringt sie spielerische Elemente wie Satire, Publikumsbeteiligung und Gaming-Kultur zurück in den rationalisierten Bereich von Design und Technologie.

Für ihr Projekt lässt sich Morris von alternativen Game-Controllern und Hardware beeinflussen und wird die Grenzen zwischen Game-Design, Produkt-Design und Web-Design verwischen. Die Begriffe „De-growtth“ und „Protopia“ standen in den letzten Jahren im Mittelpunkt von Morris‘ Forschung. Dieses Projekt wird die Frage aufwerfen, wie wir aus bestehendem Wissen und Technologien neue Ideen generieren können und erforschen, wie Hardware dabei helfen kann, eine bessere oder zumindest spielerischere Zukunft zu entwickeln.

Weitere Informationen in Kürze.

POCAS (POCAS Organización Cooperativa de Auto-Servicio)

POCAS (POCAS Organización Cooperativa de Auto-Servicio) von Pablo Somonte Ruano ist ein fiktives Ladengeschäft, das sich die Merkmale des viralen Modells der Selbstbedienungsläden (7-Eleven, OXXO, Extra) zu eigen macht, die unaufhaltsam in Mexiko-Stadt entstehen.

POCAS unterläuft die kapitalistisch-neoliberale Logik dieser Selbstbedienungsläden mit mutualistischer Logik und entwirft so eine neue Form eines postkapitalistischen Ladengeschäfts. POCAS lässt sich dabei von den Commons, der Gegenökonomie, dem Agorismus, dem Plattform-Kooperativismus und der Kybernetik inspirieren.

Durch maschinelles Lernen erzeugte Bilder mit einer lokalen Version von Stable Diffusion, die zeigen, wie verschiedene POCAS-Lager aussehen könnten. Courtesy Pablo Somonte Ruano

Ein POCAS-Laden würde Formen wirtschaftlicher Aktivitäten von Mensch-zu-Mensch in einem Umfeld ermöglichen, das von seinen Mitgliedern selbst verwaltet wird und ihnen kollektiv gehört. Das Ziel von POCAS ist es, grundlegende Güter wie Wasser, Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und einfache Medikamente zu dekommodifizieren, so dass die Mitglieder eines POCAS sich gegenseitig damit versorgen können.

POCAS kann aber auch wie ein Beschleuniger für genossenschaftliche Unternehmen, ein Ort für Gemeinschaften zur gemeinsamen Nutzung von Infrastruktur und ein Raum für soziale Koordination fungieren.

Durch maschinelles Lernen erzeugte Bilder mit einer lokalen Version von Stable Diffusion, die zeigen, wie verschiedene POCAS-Lager aussehen könnten. Image courtesy Pablo Somonte Ruano

Obwohl POCAS Spekulation ist, sind seine Komponenten keineswegs fiktiv. Die Fiktion dient lediglich dazu, eine mögliche Konfiguration von Technologien und Praktiken zu beschreiben, die heute bereits existieren. Das Ergebnis des Projekts wird eine Website sein, die die Funktionsweise eines POCAS-Ladens anhand verschiedener digitaler Artefakte wie Diagramme, 3D-Modelle, Bilder und einer Reihe von Interviews darstellt.

Mehr Informationen in Kürze.

Diagramm, das die verschiedenen Komponenten des POCAS-Store-Modells darstellt. Courtesy Pablo Somonte Ruano
Schematische Darstellung der für POCAS relevanten Forschungsbereiche. Image courtesy Pablo Somonte Ruano
15.03. – 15.06.22      

HOW TO
BEAM

Do-It-Yourself Teleportation
for Hybrid Times

How to Beam: Do-It-Yourself Teleportation for Hybrid Times

Diese erste Residency-Ausgabe untersucht die veränderte Bedeutung von persönlicher Präsenz in digital mediatisierter Zeit. Drei Künstler:innen, die neue Technologien und Low-Tech-Strategien kombinieren, experimentieren mit Teleportation als praktisches Mittel zur Wiederaneignung und Neuerfindung von Individualität, Autonomie und sozialer Bindung in unserer zusehends hybriden Welt.

Im Zuge des umfassenden sozialen Wandels hin zur Telepräsenz und damit einhergehender Akzeptanz der Tatsache, dass wir in körperlosen digitalen Identitäten gesellschaftlich agieren, ist die Vorstellung eines ganzheitlichen physischen Präsentseins am selben Ort zur selben Zeit weitgehend obsolet geworden. Ob wir nun als Fantasy-Avatar, als schwebender Kopf, als Emoji oder als stummgestelltes schwarzes Rechteck in einem Raster Gestalt annehmen: Es findet grundsätzlich eine Abkehr vom physischen Körper statt, wenn wir uns durch die unbekannten Weiten des digitalen Raumes beamen.

Wenn Cyberpunk-Pionier William Gibson behauptet, die Zukunft sei bereits da – nur nicht gleichmäßig verteilt –, lässt sich der digital mediatisierte Zustand, im dem wir uns zunehmend befinden, vielleicht als Teleportation im Frühstadium begreifen. Weit entfernt von den übersteigerten Versprechen futuristischer Innovation, stecken Quanten-Reisen aktuell noch in ihrer unbeholfenen Teenie-Phase. Die Identitätsversionen, die wir aus der physischen Realität ins digitale Leben übertragen, sind noch plump, ungeschickt und oft auch ziemlich schlicht. Trotz großer Fortschritte in den Feldern der öffentlichen Gesundheit und Inklusion – sofern die Gesellschaft endlich erkannt hat, dass Zugang zu Pflege, Bildung, Arbeit und Kultur tatsächlich auch ohne größere Mobilität möglich ist –, verstrickt der globale Zugriff von Big Tech das digitale Universum, in dem wir unterwegs sind, in Probleme um Macht, Kontrolle und fragwürdige ethische Praktiken.

Durch eine Serie von öffentlichen Dialogen und partizipativen Events lädt HOW TO BEAM: Do-It-Yourself Teleportation for Hybrid Times das Publikum zu Experimenten mit verschiedenen Ausdrucksformen ein, die uns dazu befähigen, die Grenzen dieses unheimlichen digitalen Terrains couragiert zu überschreiten.

Meetup #1 im Fab Lab Fabulous St. Pauli, 4. Mai 2022
Meetup #1 im Fab Lab Fabulous St. Pauli, 4. Mai 2022

Darsha Hewitt

Darsha Hewitts (*1982, Kanada) künstlerische Praxis ist in den Bereichen Neue Medien und Sound angesiedelt und entwickelt sich größtenteils aus materialbasierten Experimenten mit veralteter Technologie. Hewitt schafft elektro-mechanische Installationen, selbstgebaute Elektronik, Video, Zeichnung und Fotografie.

Ihre Praxis verfolgt einen abenteuerlichen, praktischen und medienarchäologischen Ansatz, bei dem verborgene Systeme in der Technologie als Mittel zum Aufspüren der in der westlichen Kultur eingebetteten Strukturen von Ökonomie, Macht und Kontrolle de-/re-mystifiziert werden. In ihrer dekonstruierten Form legt die von der Gesellschaft weggeworfene Alltagstechnologie auf verblüffende Art und Weise offen, wie Menschen miteinander umgehen und wie wir uns mit Ökologie auseinandersetzen.

Foto: Lena Maria Loose

Ihre Arbeiten werden international ausgestellt, zuletzt in der Hong Kong City Hall, Halle14 – Centre for Contemporary Art, MU Artspace, The Museum of Art and Design New York, Hartware MedienKunstverein, Gaitée Lyrique, Ottawa Art Gallery, Modern Art Oxford, The CTM Festival Berlin und WRO Media Art Biennale. In Deutschland erhielt sie ein internationales Produktionsstipendium des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst und war Stipendiatin des Berlin Centre for Advanced Studies in Arts and Sciences an der Universität der Künste in Berlin.

Neben ihrer künstlerischen Praxis lehrte sie als Gastprofessorin für Neue Medien im Fachbereich Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel und für Neue Medien/Sound an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Ihre Beiträge zur Do-it-yourself-Technologie-Community sind international anerkannt – ihre Workshops und Anleitungsvideos wurden von technischen Foren wie dem Chaos Computer Congress und dem Make: Magazine vorgestellt.

Darsha Hewitt lebt und arbeitet in Berlin.

»Kunst kann die Stopptaste drücken«
Darsha Hewitt im Interview im Online-Magazin HALLE4 der Deichtorhallen Hamburg

Nadja Buttendorf

Foto: Nadja Buttendorf

Nadja Buttendorf (*1984) stellt zeitgenössische Codes und Normen der Geschlechterkonstruktion ebenso in Frage wie die Mechanismen der Wertschöpfung, die den menschlichen Körper in unserer digitalen Gesellschaft betreffen. Ihre Arbeit verdeutlicht, dass selbst unser Verständnis von Technologie eng mit Systemen patriarchaler Machtverhältnisse verbunden ist. In Ablehnung dieser Vorstellungen sind ihre Arbeiten und Videoprojekte auf Interaktion angelegt und konstruieren neue und vielschichtigere Erzählungen, in denen Frauen als integraler Bestandteil der Technologiegeschichte wieder sichtbar werden. Zu diesem Zweck greift sie auf kommunikative Momente der Online-Beteiligung zurück, sowohl in ihren Online-Tutorials als auch bei der Herstellung performativer Schmuckobjekte. DIY als weit verbreitete Online-Ästhetik funktioniert als bewusst eingesetzte Strategie, die sowohl den Zugang ermöglicht als auch die neoliberale Arbeitsethik herausfordert.

Nadja Buttendorfs Arbeiten und Workshops wurden im HKW Berlin, Hartware MedienKunstVerein Dortmund, Künstlerhaus Bremen, La Gaîté Lyrique Paris, MU Eindhoven, NRW-Forum Düsseldorf, Halle 14 - Zentrum für zeitgenössische Kunst Leipzig, D21 Leipzig, Musem der bildenden Künste Leipzig, neue Gesellschaft für bildende Kunst Berlin und der panke.gallery Berlin gezeigt. Sie hat Vorträge und Performances bei der Re:publica, CCC, Creamcake und der nGbK Berlin gehalten. Nadja Buttendorf ist gelernte Goldschmiedin und studierte Bildende Kunst an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (Saale).

Body Presents, Or Do You Mean Body Presence?

Pseudo-holografische Installation, Website, digitale Animationsbibliothek

Body Presents ist eine online Bibliothek von Ganzkörper-Motion-Capture-Animationen von und mit Nadja Buttendorf, die alternative Designs für digitale Körper in virtuellen Welten anbietet. Die Animationen können kostenlos heruntergeladen werden und urheberrechtsfrei für die eigenen 3D-Projekte verwendet werden.

Motion Capture ist ein Verfahren, bei dem Körperbewegungen digital und dreidimensional gespeichert werden. Die Bewegungen können in Echtzeit auf einen digitalen Avatar übertragen werden. In den meisten Fällen werden die Bewegungen von professionellen Tänzer:innen und Performer:innen aufgezeichnet, die sich besonders gut und ausdrucksstark bewegen können.

Aber was passiert, wenn Körper sich nur minimal bewegen und auf der Couch rumliegen oder depressiv sind? In Nadjas' Arbeit geht es um die unterschiedliche Bewertung von Körperpositionen in einer ökonomisch orientierten Klassengesellschaft. Einerseits verbringen viele Menschen einen Großteil ihrer Arbeitszeit sitzend vor dem Computer, andererseits wird der herumliegende Körper weniger wertgeschätzt.

Auch im Hinblick auf das Einkommen werden die Positionen unterschiedlich bewertet: während eine reiche Person als cool gelesen wird, wenn sie rumliegt, wird eine arme Person als faul bezeichnet.

https://bodypresents.nadjabuttendorf.com/

Foto: © Nadja Buttendorf
Foto: © Nadja Buttendorf
Foto: © Nadja Buttendorf
Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg
Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg
Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Dasha Ilina

Foto: Erica Jewell

Dasha Ilina (*1996) ist eine russische Medienkünstlerin, die in Paris lebt. Durch den Einsatz von Low-Tech und DIY-Ansätzen beleuchten ihre Arbeiten die undurchsichtige Beziehung zwischen unserem Wunsch, moderne Technologien in unser tägliches Leben zu integrieren, und den gängigen gesellschaftlichen Imperativen der Sorge für sich selbst und für andere.

Ihre künstlerische Praxis bezieht die Öffentlichkeit mit ein, um Raum zu schaffen für die Entwicklung einer kritischen Auseinandersetzung mit unseren heutigen Beziehungen, dem Konzept des Privaten in der digitalen Ära und der reflexiven Suche nach Antworten durch Hinwendung zur Technologie. Ilina ist Begründerin des Center for Technological Pain (Zentrum für technologischen Schmerz), ein Projekt, das DIY-Lösungen für Gesundheitsprobleme anbietet, die durch digitale Technologien verursacht werden. Sie wurde dafür mit einem Honorary Mention bei der Ars Electronica geehrt.

Neben diversen internationalen Vorträgen, Workshops und Performances wurden Ilinas Arbeiten bereits in Institutionen wie dem Centre Pompidou (FR), MU Artspace (NL), Gâité Lyrique (FR), Hartware Medienkunstverein Dortmund (DE) und NeMe (CY) ausgestellt. Sie ist zudem Co-Direktorin von NØ SCHOOL, einer Sommerakademie, die sich mit kritischer Forschung zu gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen von Informations- und Kommunikationstechnologien befasst.

»Ich bin in einer niemals endenden Dauerschleife gelandet«

Dasha Ilina im Interview im Online-Magazin HALLE4 der Deichtorhallen Hamburg

© Dasha Ilina
Dasha Ilina, Center for Networked Intimacy, 2021 © Dasha Ilina
Dasha Ilina, Center for Networked Intimacy, 2021 © Dasha Ilina
Dasha Ilina, Do Humans Dream of Online Connection, 2021 © Dasha Ilina
Dasha Ilina, Do Humans Dream of Online Connection, 2021 © Dasha Ilina

Be? Here? Now?

In ihrem Projekt „Be? Here? Now?“ untersucht Dasha Ilina das Wesen neuer Formen hybrider menschlicher Existenz im technologischen Zeitalter. Die zentrale Kluft im gegenwärtigen Diskurs zu diesem Thema spaltet sich tendenziell in zwei gegensätzliche Richtungen auf: den Wunsch nach einem totalen technologischen Entzug und die Bereitschaft, sich uneingeschränkt und naiv auf die Welt der Innovation einzulassen.

Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Durch eine Materialsammlung, die auf einer einzigen Webseite gebündelt wird, adressiert „Be? Here? Now?” die Entstehung der Achtsamkeitskultur und spezifisch die Betonung, die diese auf eine „Gegenwärtigkeit“ des Bewusstseins legt. In diesem Zusammenhang geht es um die Frage, was es für zwischenmenschliche Beziehungen bedeutet, wenn physische Präsenz nicht mehr der ausschließliche Vermittler emotionaler Nähe ist. Da Achtsamkeit ein zentraler Aspekt des Projekts ist, werden diese Themen durch die Ästhetik der Achtsamkeit, insbesondere durch Techniken der Meditation und Entspannung, beleuchtet. Die Gestaltung der Webseite wird vom Kitschdesign der 1990er- und frühen 00er-Jahre inspiriert, das bis heute den Stil vieler Webseiten zur Achtsamkeit prägt.

Der Titel des Projekts „Be? Here? Now?“ bezieht sich auf das gleichnamige grundlegende Buch über Achtsamkeit von Ram Dass, das als wegweisende „Bibel der Gegenkultur“ gilt und Steve Jobs so begeisterte, dass es ihn dazu anregte, auf der Suche nach einem eigenen Guru nach Indien zu reisen.

Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Work in progress for BE? HERE? NOW?

Olsen

Foto: Irene Perez Hernandez

Olsens Arbeiten sind Untersuchungen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Einen besonderen Fokus legt er dabei auf die Technologien des Alltags, mit denen man ständig konfrontiert wird und die unser menschliches Dasein, unsere Vorlieben und Verhaltensmuster bestimmen. Beispiele sind das Öffnen des Kofferraums per Knopfdruck, der automatische Raumbedufter oder auch der Rasenmäherroboter. Bei all diesen Beispielen handelt es sich um Automaten – Maschinen bzw. Computer – die mit Hilfe von Programmierungen bestimmte Tätigkeiten für den Menschen erledigen. So kann Technologie als die Anstrengung verstanden werden, dem Menschen Anstrengung zu ersparen.

Olsen (*1975) hat nach einer Schreinerausbildung ein Studium der Medialen Künste an der HdK Zürich und Bellas Artes an der Universidad Barcelona absolviert, sowie 2018 ein PhD in Media Arts and Technology an der Queen Mary, University of London fertiggestellt. Olsen hat international in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen ausgestellt und hat Workshops sowie Lehrveranstaltungen in verschiedenen Kontexten gehalten. Seine Arbeit ist in der Daimler Art Collection zu sehen. Derzeit lebt und arbeitet er in St. Georgen im Schwarzwald.

Olsen, Uruca Caliandrum, 2010 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Uruca Caliandrum, 2010 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Düsen nach Jägerart, 2019 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Düsen nach Jägerart, 2019 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Weltgrösste Kuckucksuhr (Digital), 2021 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022
Olsen, Weltgrösste Kuckucksuhr (Digital), 2021 © Olsen / VG Bild-Kunst Bonn, 2022

Per Teleport zur Immortalität – Technologien um der Endgültigkeit des Todes entgegenzuwirken

Mit seinem Projekt wird Olsen einen besonderen Fokus auf ein Mensch-Maschine-Verhältnis legen, das mit der künstlichen Intelligenz (KI) einhergeht. Dies baut auf Technikprophetie, Datenreligion oder Informationsmonismus auf und ist mit einem Streben nach Kontrolle und einer vollständigen Verfügungsgewalt über den Menschen und letzten Endes dem Tod verbunden. Die Protagonisten der computertechnischen Immortalisierung richten alles auf das technische Paradis der Zukunft. In der Gegenwart haben sie zumindest ein Standbein in der IT-Branche und Bereichen, die der KI zugeordnet werden.

Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Wer kennt es nicht, vor Abflug in der Duty Free Zone noch schnell die letzten nötigen Besorgungen machen oder sich einfach nur der Angebotspalette flanierend hingeben. In diesem Fall befinden wir uns jedoch auf dem Weg zum „Teleport“ zur Unsterblichkeit. Das hier angebotene soll uns einen Vorgeschmack auf das technische Paradies der Zukunft geben, dass sich dahinter verbirgt: „Mind Uploads“, „Cryonics“, „Whole Brain Emulation“ sowie der Aufstieg ins algorithmische Schlaraffenland sind Teil der Angebotspalette.

Fasziniert von Fragen ‚Wie sich menschliches Erleben in Speichermedien abbilden und für immer aufbewahren lässt?‘ oder ‚Wie lebt es sich in der Unsterblichkeit?‘ ist das Ziel von Olsens Arbeit, einen Vorgeschmack davon zu geben was danach kommt. So sind z. B. Gerüche eines der Dinge, die derzeit schwer in digitalen Medien abzubilden, zu speichern oder beim „upload“ zu bewahren sind. Olsen plant die Unsterblichkeitsfantasien der Protagonisten weiter zu recherchieren und durch eine humoristische Herangehensweise die darin auftretenden Denkfiguren an den Füssen zu kitzeln.

Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg
Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg
Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg


Taming of Chance

Foto: Irene Pérez Hernández
Foto: Irene Pérez Hernández
Foto: Irene Pérez Hernández
Foto: Irene Pérez Hernández